Samstag, 9. Juni 2018

Gendern in der Sprache - demokratische Pflicht?

Kürzlich stieß ich über die sozialen Netze auf einen Artikel von Henning Lobin und Damaris Nübling in der Süddeutschen, in dem anlässlich eines am 8. Juni vom Deutschen Rechtsschreibrat diskutierten Vorschlags des Landes Berlin zur Einführung des Gendersternchens in die deutsche Rechtschreibnorm[1] die Autoren leidenschaftlich für "geschlechtergerechte Schreibung" eintraten.


Hier heißt es u.a., dass wer die Gleichstellung der Geschlechter wolle, sie auch beide [explizit] ansprechen müsse. Neben dem in diesem Kontext leider schon obligatorischen Verweis auf Vorstöße der AfD gegen das sprachliche Gendern wird anhand einiger Beispiele zu beweisen versucht, dass die Trennung von grammatischen vom biologischen Geschlecht, die dem generischen Maskulinum zugrunde liege, falsch sei und die Sprache auch in diesem speziellen Kontext die Wahrnehmung des Menschen "lenke".

Die Gegenposition hierzu finden wir in einer ebenfalls vor recht kurzer Zeit erschienenen Kolumne von Peter Eisenberg in MERTON, in dem diesen Thesen widersprochen wird: die Verwendung des generischen Maskulinum befreie vom Bezug auf das natürliche Geschlecht und sei allgemeiner; hingegen führe ein hinzugefügtes Suffix "in" immer zu einer Spezialisierung von einer geschlechtsneutralen zu einer geschlechtsspezifischen Form. Sprachen seien so gebaut, dass sie zwar grammatische Formen forderten, aber nie bestimmte Bedeutungsmerkmale erzwängen.

Ich will die Aussagen aus beiden Artikeln nicht in Länge ausbreiten, sie sind beide auf ihre Weise lesenswert. Mich überzeugt allerdings mehr die Sicht Peter Eisenbergs.

Die immer wieder vorgebrachte These, die Sprache beeinflusse das Denken, kann man sicher diskutieren. Allerdings wird sie doch überhaupt erst in dem Moment zu dieser Diskussion relevant, wenn man im Kopf das grammatische mit dem biologischen Geschlecht gleichsetzt oder zumindest stark verbindet. Diese These wird von Befürwortern des Genderns meist stillschweigend vorausgesetzt und gar nicht erst zu beweisen versucht, so dass dann der zweite, darauf aufbauende Schritt der Argumentation dann quasi zum Selbstgänger wird.

Aber genau dieser erste gedankliche Schritt, auf dem die Argumentation ja erst fußt, ist aus meiner Sicht eine Zumutung, denn er impliziert, dass ich, wenn ich die Form des generischen Maskulinums verwende, die Weiblichkeit nicht beachte. Diesen latenten Vorwurf finde ich unakzeptabel.

Die Sprache spiegelt zu einem gewissen Punkt die Art des Denkens und die Mentalität eines Volkes. Menschen, die zweisprachig aufgewachsen sind oder leben (etwa sprechen wir zu hause zur Hälfte deutsch und ukrainisch), kennen das - manche Dinge kann man in einer Sprache sehr einfach, elegant und kurz formulieren, in einer anderen aber gerade nicht. Die Entwicklung, die dahinter steht, hat sich über einen langen Zeitraum vollzogen. Und ständig kommen neue Formen und Begrifflichkeiten hinzu - ganz einfach, weil Menschen sie verwenden.

Das ist ein lebendiger Prozess. Und wenn - wie in den 1980er Jahren - verstärkt Menschen begannen, die Verwendung des generischen Maskulinums zu vermeiden und Bezeichnungen Endungen zu geben, kann man das als genau so einen Prozess betrachten, der sicher Spuren in der Sprache hinterlässt.

Problematisch wird es aus meiner Sicht aber dann, wenn hieraus ein ideologischer Anspruch erwächst - verwendest Du nicht die weibliche Endung bei "Nichtwählern", dann schließt Du die "Nichtwählerinnen" aus. Hier geht es nicht mehr um lebendige Sprache, sondern um Deutungshoheit. Wie oben schon ausgeführt, ist aber keineswegs gesagt, dass die Mehrzahl der Sprecher das grammatische mit dem biologischen Geschlecht gleichsetzen.

Ich halte es, wenn es um die politisch / ideologisch angetriebene gezielte Änderung bis hin zur Anordnung von Sprachnormen geht, mit Orwells Konzept des "Neusprech", und wer ein Design von Sprache "von oben" legitimiert, egal wie edel in diesem Fall die Motive sein mögen, öffnet letztlich auch die Türen für das selbe aus unedlen Motiven.

Mein Vorschlag zur Güte: lasst uns sprechen, wie uns der Schnabel gewachsen ist. Schauen wir in 100 Jahren, was sich durchgesetzt hat. Aber, bitte, lassen wir die Keule der künstlichen Fixierungen in Sprachnormen doch bitte im Sack.

[1] Wie im Tagesspiegel berichtet wurde, konnte sich der Deutsche Rechtsschreibrat nicht auf die von Berlin vorgeschlagene Fixierung des Gendersternchens im Sprachregelwerk einigen. Das ist in meinen Augen erst einmal eine gute Nachricht, auch wenn mir bewusst ist, dass es weiter Vorstöße in diese Richtung geben wird.